Grundsatz-Urteile

Aktuelles Urteil - "02 - Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter"

Verbandsgerichts-Urteil Nr. 00024-19/20-4000001:

Auf die Berufung des VfR Neumusterheim wird das Urteil Nr. 00134-19/20-4000004 der Spruchkammer vom 29.12.2019 wie folgt abgeändert:

Urteil: Der Spieler Max Mustermann wird wegen unsportlichen Verhaltens mit einer Spielsperre von 2 Meisterschaftsspielen belegt.

Der Spieler Richard Musterhain wird wegen Beleidigung eines Schiedsrichters mit einer Spielsperre vom 14.12.2019 bis einschließlich 12.04.2020 belegt.

Von den Kosten des Berufungsverfahrens (165,- Euro) hat VfR Neumusterheim die Hälfte (82,50 Euro) zu tragen. Die andere Hälfte fällt der Verbandskasse zur Last.

Die Berufungsgebühr wird auf 30,- Euro festgesetzt.

Urteilsgebühr: 30,- Euro

 

Gründe:

Mit dem angefochtenen Urteil hatte die Spruchkammer den Spieler Max Mustermann der VfR Neumusterheim wegen unsportlichen Verhaltens und Bedrohung des Schiedsrichters mit einer Spielsperre von 4 Meisterschaftsspielen und den Spieler Richard Musterhain der VfR Neumusterheim wegen Tätlichkeit gegenüber dem Schiedsrichter mit einer Spielsperre von 8 Monaten belegt.

Gegen dieses Urteil hat VfR Neumusterheim form- und fristgerecht Berufung eingelegt, die zu einer teilweisen Abänderung des Urteils und damit zu einem teilweisen Erfolg geführt hat.

Nach der durchgeführten Berufungsverhandlung ist von folgendem Sachverhalt auszugehen:

Am 13.12.2019 fand das Hallenturnier des 1.FC Blau-Weiß Muster statt. Das Halbfinale der VfR Neumusterheim und TuS Musterbach 2000 wurde von TuS Musterbach 2000 mit 2:1 gewonnen. Nach Spielschluss begann der Spieler mit der Nummer 4 von VfR Neumusterheim mit dem Schiedsrichter eine Diskussion darüber, warum der Schiedsrichter zum Ende der Spielzeit bei Spielunterbrechungen nicht die Uhr mit der Spielzeit angehalten habe. Während dessen sprang der Spieler mit der Nr. 10 von VfR Neumusterheim, Richard Musterhain, über die Bande, lief über das Spielfeld hin zum Schiedsrichter und begann, sich lautstark bei dem Schiedsrichter zu beschweren. Der Schiedsrichter drehte sich jedoch weg, um dem Spieler mit der Nummer 4 von VfR Neumusterheim zu antworten. Dies nahm der Spieler Richard Musterhain aufgrund seiner situativen Erregung spontan zum Anlass, das von ihm getragene Auswechselleibchen auszuziehen, in eine Hand zu nehmen und sodann als Knäuel von oben auf dem Kopf des Schiedsrichters abzulegen, was teilweise Gelächter umstehender Spieler und Zuschauer zur Folge hatte. Anschließend entfernte sich der Spieler Richard Musterhain grinsend in Richtung Kabinentrakt. Der Schiedsrichter seinerseits nahm das Leibchen von seinem Kopf, warf es weg und zeigte dem Spieler Richard Musterhain die rote Karte. Bei dem Wurf traf der Schiedsrichter unabsichtlich den in seiner Nähe sich aufhaltenden Spieler mit der Nr. 15 von VfR Neumusterheim, Max Mustermann, am Arm. Der Spieler Max Mustermann, ebenfalls situativ erregt, nahm dies zum Anlass nun ebenfalls an den Schiedsrichter nahe heranzutreten und diesen anzuschreien. Beleidigungen oder Bedrohungen wurden von dem Spieler Max Mustermann dabei nicht geäußert; gleichwohl wurde das Verhalten des Spielers Max Mustermann von dem Schiedsrichter als aggressiv und bedrängend empfunden. Der Schiedsrichter zeigte daraufhin dem Spieler Max Mustermann ebenfalls die rote Karte und entfernte sich in Richtung Turnierleitung. Beide Spieler haben sich in der durchgeführten Berufungsverhandlung bei dem betroffenen Schiedsrichter für ihr Verhalten entschuldigt. Der Schiedsrichter hat diese Entschuldigung jeweils angenommen.

Dieser Sachverhalt steht fest aufgrund der in der Berufungsverhandlung vorgenommenen und übereinstimmenden Bekundungen des Schiedsrichters, wie auch der beiden beschuldigten Spieler.

Der Spieler Max Mustermann hat sich, da eine Bedrohung oder Beleidigung des Schiedsrichters nicht belegt werden konnte, des unsportlichen Verhaltens nach § 7 Nr. 2 a) StrafO schuldig gemacht, welches mit einer Sperre von bis zu 6 Monaten geahndet werden kann. Das Verbandsgericht hat in diesem Zusammenhang auch geprüft, ob ein sog. leichter Fall vorliegt, dies nach Vornahme einer umfassenden Abwägung der vorliegenden Umstände jedoch verneint. Dabei war insbesondere zu berücksichtigen, dass der Spieler Max Mustermann der besonderen Verantwortung und Vorbildfunktion, die ihm als Trainer obliegt, nicht gerecht geworden ist. Im Hinblick auf den Umstand, dass der Spieler Max Mustermann allerdings zunächst glaubte, absichtlich beworfen worden zu sein und sich entschuldigt hat, erschien der Spruchkammer eine Spielsperre von 2 Meisterschaftsspielen tat- und schuldangemessen.

Der Spieler Richard Musterhain hat sich durch sein Verhalten der Beleidigung des Schiedsrichters nach § 7 Nr. 6 StrafO schuldig gemacht. Eine Tätlichkeit liegt demgegenüber nicht vor. Unter den Begriff der Tätlichkeit nach § 4 StrafO fällt jede Handlungsweise, durch die sich ein Spieler, ohne im Kampf um den Ball zu sein (z.B. mittels Schlag, Tritt, Stoß oder Wurf), an einem anderen Spieler, dem Schiedsrichter, einem Schiedsrichterassistenten oder einem Zuschauer vergeht. Dabei sind die vorgenannten Aufzählungen nur beispielhaft und nicht abschließend. Entscheidend ist jedoch stets, dass durch den Täter unmittelbar vorsätzlich auf den Körper einer anderen Person eingewirkt wird. Diese Voraussetzungen liegen hier nicht vor. Bei Gesamtwürdigung des Verhaltens des Spielers Richard Musterhain kam es diesem durch das Ablegen des Leibchens auf dem Kopf des Schiedsrichters nicht auf eine unmittelbare körperliche Einwirkung auf diesen an sondern darauf, diesen dem Hohn und Spott der Mitspieler und Zuschauer in der Halle auszusetzen und damit als neutrale Respektsperson herabzuwürdigen.

Im Hinblick darauf, dass § 7 Nr. 6 StrafO eine Sperre von 1 Woche bis zu 6 Monaten vorsieht, erschien dem Verbandsgericht eine Spielsperre bis zum 12.4.2020 und damit fast 4 Monaten tat- und schuldangemessen; dabei ist einerseits berücksichtigt worden, dass der Spieler Richard Musterhain seiner Vorbildfunktion als Co-Trainer nicht gerecht geworden ist und den Schiedsrichter durch sein Verhalten gegenüber einer Vielzahl von Personen herabgewürdigt, sich andererseits einsichtig gezeigt und entschuldigt hat.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 15 RVO.

Letzte Aktualisierung: 04.02.2020