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Nadine Keßler besucht JVA Zweibrücken: „Ihr könnt, wenn ihr wollt!“

Nadine Keßler, Weltfußballerin des Jahres 2014, hat als Botschafterin der Sepp-Herberger-Stiftung die Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt im rheinland-pfälzischen Zweibrücken besucht. Die 30-Jährige engagiert sich seit nun schon zwei Jahren im Kuratorium von Deutschlands ältester Fußballstiftung. Im Interview spricht die 29-fache Nationalspielerin, die heute als Abteilungsleiterin bei der UEFA tätig ist, über die Begegnung mit den Inhaftierten und die Möglichkeiten, die gerade der Fußball bei der Resozialisierung junger Straftäter bietet.


Frau Keßler, ein Besuch im Gefängnis ist immer auch bedrückend. Mit welchen Gefühlen sind Sie in die JVA Zweibrücken gegangen?

Nadine Keßler: Für mich war es das erste Mal, dass ich in einer Haftanstalt war. Ich wusste vorher nicht so richtig, was mich erwartet und wie sich die Situation dort gestalten wird. Entsprechend war ich gespannt und auch etwas nervös.


Kessler


Wie haben Sie es dann dort erlebt?

Keßler: Ich fand es hochspannend. Das Personal war extrem kompetent und hat mich erstmal in die Strukturen eingeführt. In Zweibrücken befinden sich weibliche und männliche Inhaftierte, auch Jugendliche. Der Gefängniskomplex ist riesig. Ich war erstaunt über die Möglichkeiten, die die Gefangenen dort haben – von der Ausbildung bis zum Schritt zurück in ein neues Leben in Freiheit. Positiv überrascht war ich, wie intensiv sich dort um die Resozialisierung der Gefangenen gekümmert wird. Hier gibt es unter anderem Kooperationen mit der Arbeitsagentur, der IHK und dem Südwestdeutschen Fußballverband.


Wie haben Sie die Atmosphäre mit Zäunen, Mauern und Kameras wahrgenommen?

Keßler: Es gab Bereiche, in denen ich es als sehr bedrückend erlebt habe. Aber es gab Zonen, speziell im Jugendstrafvollzug, in denen man sich bemüht hat, es nicht so gefängnismäßig aussehen zu lassen. Im Hochsicherheitsbereich musste ich auch schon mal tief durchatmen. Das war schon schwierig für mich. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass man auch dort ein besseres Leben führen kann, wenn man klare Ziele hat und den Anweisungen des Personals folgt.


Wie sind die Inhaftierten mit Ihnen umgegangen?

Keßler: Die jungen Frauen haben sich riesig gefreut über meinen Besuch. Am Anfang waren sie etwas schüchtern. Aber dann haben wir zusammen Fußball gespielt, so gut es nach meinen Verletzungen noch klappt. Spätestens danach war das Eis gebrochen. Mir wurde dort ein Kuchen gebacken. Ich bin fast schon verwöhnt worden. Wir hatten gemeinsam eine gute Zeit und ich hoffe, dass ich den Häftlingen auch etwas geben konnte. Ich habe versucht, den jungen Frauen für ihren weiteren Weg Mut zu machen. Ich hoffe, dass sie ihre zweite Chance nutzen und wieder Fuß fassen können.


Was war Ihnen noch wichtig?

Keßler: Alle waren sehr interessiert an meiner Geschichte. Sie haben viel nach meiner Karriere als Fußballerin gefragt. Ich habe versucht zu verdeutlichen, dass mein Weg mit harter Arbeit verbunden war und dass auch ich nichts geschenkt bekommen habe. Ich wollte klar machen, dass der Erfolg nicht von selbst kommt, sondern dass man etwas dafür investieren muss. Eine der ersten Fragen an mich war, welches Auto ich als Fußballerin gefahren sei. Ich habe auch da versucht zu vermitteln, dass Geld nicht das Wichtigste im Leben ist. Meine Vereine haben mir oft mit Stipendien oder anderen Leistungen geholfen, die jetzt im Nachhinein viel wichtiger in meinem Leben sind als 100 Euro mehr im Monat.


JVA Kessler


Ist das angekommen?

Keßler: Ich hoffe es. Bei manchen der jungen Frauen hat man schon gemerkt, dass sie eine sehr negative Grundeinstellung haben. Manche von ihnen haben selbst schlimme Dinge erlebt und mussten selbst Gewalt erfahren. Das ist ein Kreislauf, aus dem sie nicht leicht rauskommen. In so eine Situation bin ich gottseidank nie gekommen. Ich habe immer gesagt: „ich kann“ und „ich werde“. Auf die Gruppe übertragen also: Ihr könnt, wenn ihr wollt. Auch das habe ich versucht zu vermitteln. Positives Denken kann oft extrem hilfreich sein.


Welchen Stellenwert hat der Fußball im Strafvollzug?

Keßler: Alle waren super ehrgeizig. Am Ende haben sie mich mitgerissen und ich war richtig verschwitzt. Sie haben toll als Team zusammengespielt. Das Personal hat gesagt, dass sie die Mädels nie stolzer, ehrgeiziger und fokussierter gesehen haben. Das zeigt, dass der Fußball erstens ablenkt und zweitens ein großes Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen kann. Das sind alles Dinge, die für das Leben nach der Zeit im Knast meiner Meinung nach von entscheidender Bedeutung sind.


Kann der Fußball also auch nach der Zeit in der Haftanstalt den Frauen als Stütze dienen und den Weg zurück in die Gesellschaft vereinfachen?

Keßler: Absolut. Für mich ist dieser Teamgeist eine Selbstverständlichkeit, weil der Fußball mich mein ganzes Leben lang schon begleitet. In einer Mannschaft hat man eine Rolle, eine Funktion, eine Verantwortung. Da kann man nicht machen, was man möchte. Es gibt so viele Dinge, die man automatisch erlernt. Rücksicht nehmen und teilen - der Fußball ist ein unglaublich guter Sport, der bei der zweiten Chance helfen und die Mädels in der richtigen Spur halten kann.


Mit welchen Gefühlen haben Sie die JVA verlassen?

Keßler: Am Anfang war ich bedrückt, hinterher war ich sehr positiv gestimmt. Die Teilnehmerinnen haben viel gelacht. Ich habe den Eindruck, dass mein Besuch Mut gemacht hat. Genau das war mein Ziel.


Quelle Bild und Text: Klaus Venus

Edenkoben, 14.09.2018

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